Vorabversion: Es folgen noch weitere Bilder und Textergänzungen. Trotzdem schon mal viel Spaß.
| Vom Eifelturm in Paris zum Leuchtturm in Brest und zurück. 1230km, 11.000hm, Tränen, Glücksgefühle, 2 Freunde 80 Stunden auf dem Rad |
Prolog
Vom 21.08.2011 bis zum 25.08.2011 fand der traditionsreiche Radmarathon „Paris-Brest-Paris“ in Frankreich in der 17ten Auflage statt, im Nachgang nur noch „PBP“ genannt. Die Fahrt findet seit 1891 statt und dann im 10-Jahresrhytmus, seit den 70er Jahren im 4 Jahres Rhythmus. PBP ist kein Rennen sondern ein „Brevet“, eine Prüfung für Körper und Geist. In erster Linie gilt ein Ankommen in der maximalen Zeit von 90 Stunden als Erfolg, um diesen Gedanken zu unterstreichen werten die Offiziellen Fahrer mit einer Zeit UNTER 45h nicht. Erfreulicherweise war von Beginn an eine schnelle Fahrt explizit nicht Gegenstand unserer Überlegungen. Finishen, egal wie lautete unsere Devise.
Um Teilnehmer auf die Fahrt adequat vorzubereiten haben die Veranstalter eine Hürde eingebaut. Im Jahr der Austragung muß der Ausflugsradfahrer Willen beweisen und eine Serie von Brevets in aufsteigender Reihenfolge bestreiten: 200-300-400-600 km. Ohne die „Serie“ geht nichts. Anschließend bekommt man rund 6 Wochen vor Start das offizielle OK der Veranstalter aus Paris.
Um PBP ranken sich wahre Mythen. Von Regenschlachten bis zu Hitzewochen war alles bereits vertreten. Die Eckdaten haben sich in den letzten Jahrzehnten jedoch wenig verändert: 1230km , ca. 11.000 Höhenmeter und 90 Stunden Zeit. Ob, wann und wo man rastet ist einem vollkommen selber überlassen. Als weitere Schwierigkeiten von PBP sind zum Teil sehr raue Straßenbelage und stetiger Wind zu nennen, der in Atlantiknähe schon mal heftig ausfallen kann. Um PBP in der Maximalzeit abschließen zu wollen ist es daher unerlässlich, die eigene Komfortzone zu verlassen und Dinge wie 8 Stunden Schlaf pro Tag kurzfristig zu vergessen.
Simon und ich haben und vor rund 15 Monaten entschlossen, PBP zu fahren. Eine sehr penible und zeitintensive Vorbereitung im Rahmen unser Möglichkeiten bestimmte an vielen Stellen unseren Alltag. Die Erfahrungen der bereits abgefahrenen Brevets der Vorbereitung können an dieser Stelle nachlesen. Ach ja…die wichtigste Vokabel: Randonneur=Langstreckenradfahrer…und…wer Rechtsschreibfehler findet..bitte behalten…
Anreise
Zeitig vor dem Trip habe ich in Hannover bei Wohnmobile Bieger, einem ADAC Partner ein Wohnmobil reserviert. Unser Team für PBP bestand aus 2 Fahrern und 2 Supportern, die uns auf der Strecke an den Kontrollstationen einen Hauch von Komfort, Verpflegung und Unterstützung bieten sollten. Nach kurzer Begrüßung durch einen Mitarbeiter kam gleich die erste dolle Überraschung
„Ich weiß nicht, ob man Sie bereits angerufen hat, aber Ihr Wohnmobil ist noch nicht da. Aber morgen ist es da, und dann können Sie starten“. Offensichtlich war dies ein Test, denn entgegen meinem manchmal impulsiven Naturell verkniff ich mir eine erste lautstarke Reaktion oder gar Handgreiflichkeiten. Soviel Geduld wurde umgehend belohnt als er ausführte „Natürlich haben wir Ersatz für Sie, die €800 Mehrpreis brauchen Sie nicht zu bezahlen, denn schließlich haben Sie nichts zu verantworten“. Guter Mann, mit offenem Mund starre ich auf ein MONSTER von Motorhome, volle 8 Meter lang und nach Bekunden des Mitarbeiters rund 80.000€ teuer.
| Unser Home für die nächsten Tage und Rückzugsort. |
Trotz der gewaltigen Dimensionen fuhr sich dieses Gefährt erstaunlich handlich und war mit knapp 200PS auch bestens motorisiert. Unglaublich! Nach Übernahme des Gefährtes haben wir binnen 30 Minuten geladen und gepackt. Auf die 3-Seitige Liste an diversen Fahrrädern, Laufrädern, Ausrüstungsgegenständen und KISTEN an Sportlernahrung=Astronautennahrung=Brechreiz verzichten wir an dieser Stelle.
Auch diese Prüfung durch die Vororte von Paris meisterten wir. Ein Schild „maximale Höhe 2.00m“ verwehrte uns leider 10km vor dem Ziel die Weiterfahrt. Dank Kartenmaterial und Apple Produkten ( say Yes we can) ein leichte Übung, das Monster quer durch Versailles zu lotsen.
In Paris
Es ging direkt auf den Campingplatz „Huttopia“. Schon im Internet las sich das Ganze beeindruckend und ich fand mehrere Hinweise wie „ Treffpunkt der Randonneure aus aller Welt“ etc. Kurz eingescheckt, Wohnmobil geparkt und schauen „stimmt das“….Es stimmte! Treffpunkt war eher eine milde Untertreibung. Wir waren im Epizentrum. Ich sehe überall Fahnen verschiedener Länder und zum Teil atemberaubende Räder. Alle wollen nur das Eine: PBP! Binnen Sekunden stellt sich diese „gute Gefühl“ ein. Jeder ist wirklich gut gelaunt und wir treffen schnell Mitfahrer von den gefahrenen Brevets. Jeder trägt stolz sein „Nationaltrikot“, welches sich diejenigen verdient haben, die im Vorbereitungsjahr die eingangs beschriebene Serie gefahren sind.
| Wir sind mehr als bereit |
Neben unserem Wohmobil unterhält Pepe aus Spanien eine ganze Meute verrückter Katalanen und ist in der Vorbereitung einer großen Paella vertieft. 2m Durchmesser auf dem Gasbrenner, Carboloading auf spanisch. Ich steuere ihn zielstrebig an, 20 Augenpaare mustern mich und warten auf die „Ansage“. Ich schmettere ein bierbeseeltes „buenas tardes“ in die Menge und sofort freuen sich die Iberer, dass ich den Unterschied zwischen buenas dias und buenas kenne und prosten mir zu. Schnell vereinbaren wir, nach einem etwaigen finish den Trikottausch. Für diese Eventualitäten habe ich mich beim Veranstalter extra mit einem paar extra Trikots eingedeckt.
Am Nachmittag begannen wir unserer Räder für unser eingentliches Anliegen aufzubauen. Für alle Technikverliebten: Scott Addict CR1 SL 2010 RH52, Compact 50/34 mit 12-27 Ritzel, Rotorkurbel mit power2max Leistungsmesser, Mavic Cosmic Elite LRS mit 23er Conti 4000GP, Garmin Edge 800, Busch und Müller Ixo / Cyco mit seperatem Akku. Zwillingsflascherhalter hinter dem Sattel, ein Getränkehalter Unterrohr und eine Rahmendreieckstasche für das notwendige Ersatzmaterial auf der Strecke. Simon: Canyon F10 Ultimate, Mavic Kysrium Elite, ebenfalls Compact Kurbel mit Leistungsmesser, Garmin Edge. Simon hatte zusätzlich eine Gepächtasche mit Sattelstützenhalterung montiert, um etwas mehr mitzunehmen als ich. ( Werkzeug, Kettennieter, Ersatzkette etc.)
Gegen 16.00 Uhr fuhren wir dann mit dem Velo in den Start / Zielbereich, welcher rund 10km vom Campingplatz entfernt lag. Auf der Strecke weitere zahllose Radfahrer, augenscheinlich mit gleichem Ziel. Nach einer schönen Fahrt, direkt an der Schloßanlage von Versailles vorbei treffen wir ein. Ein Wirrwarr aus Radfahrern breitet sich vor uns aus, Wortfetzen verschiedener Sprache werden aufgeschnappt. Unglaublich. Natürlich lassen wir uns vor dem Eingang noch mal ablichten und führen dann unsere Räder der Kommission vor. Die prüft penibel jedes Gefährt und nach einigen Handgriffen drückt mir der Offizielle den Stempel in meine Unterlagen.
Nun die begehrte Rahmennummer und weitere Unterlagen in Empfang nehmen. Dies geschah in einer sehr großen Sporthalle, an den Wänden hängen alle erdenklichen Nationenflaggen teilnehmender Länder. Überall helfende Händer und Dolmetscher, die Teilnehmern unterstützen sich zu orintieren. Hier bekommt man einen ersten Eindruck welche Güte die Organisation dieser Veranstaltung aufweist: es läuft wie geschmiert und nach weiteren 5 Minuten könnten wir eigentlich starten.
Alle deutschen Teilnehmer haben sich für ein gemeinsames Gruppenfoto gegen 17.00 Uhr verabredet. Man stellt nach Frankreich die Nation mit den meisten Teilnehmern, aufgrund des hohen Wechselkurses sind offentlichsichtlich einige Amerikaner nicht angetreten und das ursprünglich Kontingent der deutschen Teilnehmer erhöhte sich von 388 auf 450. Hier brannte dann das nächste Highlight ab: Der älteste Teilnehmer der deutschen Fraktion schnappt sich ein Megaphon und feuert die Menge an.
„Manche Menschen fahren in Amerika 4800km. Ihr nur 1200km. Freut Euch!“
„Seid Teil einer unvergesslichen Veranstaltung mit tollen Momenten und Freundschaften aus der ganzen Welt. Freut Euch!“
„Ihr bewahrt eine über hundertjährige Tradition und führt sie fort. Freut Euch!“
„Freut Euch! Wir sind in Paris, jetzt fahren wir nach Brest und dann fahren wir wieder nach Paris. Freut Euch!“
Nach soviel Freude brandet Applaus auf, der Kollege zählt 80 Jahre! Ich freute mich auch, hielt die Freude in Zaum, viel lieber wollte ich im Ziel 4 Tage später den Leuten demonstrieren, wie lautstark ich „ja“ schreien kann.
Henkersmahlzeit und Augalopp der Rennpferde
Wieder zurück zum Huttopia Campingplatz. Unsere PBP Truppe vereint sich mit anderen Fahrern und wir verzehren die wirklich hervorragenden Pizzen des angeschlossenen Restaurants. Herrlich, Langstreckenfahrer brauchen auf Ihre Figur bei einer solchen Veranstaltung nicht zu achten. Man kann ESSEN soviel man will und was man will. Ganz wunderbar. Zwischenzeitlich gibt uns Uwe Krohne aus Grosswieden die letzten wichtigen Tipps. Uwe ist Veranstalter von Brevets, sein Standort im Weserbergland ist wie geschaffen, sich die notwendige HÄRTE für PBP zu holen. Ohne Uwe gäbe es für Simon und mich kein PBP. Uwe, Danke dafür.
Um die Pizzen runterzuspülen gönnen wir uns noch ein paar Bier und gehen zeitig ins Bett. Am nächsten Morgen wiederholt sich das Spielchen. Essen, Essen, Essen. Mittlerweile ist es 13.00 Uhr und die Hitze in Paris wird durch die große Schwüle unangenehm. Wir versuchen, soviel wie möglich zu ruhen und zu schlafen, es wird durch die Nervosität stetig schwieriger.
Gegen 15.00 Uhr fahren wir in den Startbereich. Wieder Volksfeststimmung. Tausende Radfahrer, Zehntausende Zuschauer. Mit großem Applaus wird die Startergruppe „16.00 Uhr“ auf die Piste geschickt. Die dürfen zwei Stunden vor der großen Meute startet, müssen jedoch nach 80 Stunden und nicht 90 Stunden in Paris sein. Ein weitere Startzeit stellt der sehr frühe Montag morgen dar, auch hier gilt: Nicht 90 Stunden sondern in diesem Fall 84h. Das Gros der Teilnehmer wählt die 90h Version und startet ab 18.00 Uhr, ca. 3500 Fahrer. Bereits gegen 16.30 Uhr ist das Stadion gut gefüllt und wir stehen Rad and Rad, eng wie in einer Sardinenbüchse. Das Thermometer zeigt 34Grad. Eigentlich wollte ich meine Trinkvorräte nicht schon VOR dem Start leeren. Wir warten endlose Minuten, dann Bewegung. Die ersten 500 Fahrer gehen auf die Piste. Wir rücken vor. Die nächsten 500, und weiter geht´s. Wir stoppen wenige Meter davor, somit sind wir gleich „vorne“ und brauchen uns nicht hinten am Feld aufzuhalten. Die Meute wird immer unruhiger, hier am Schuh gewerkelt, dort am Trikot gezupft. Endlich, die Offiziellen öffnen die Schranke und wir fahren in den Kreisverkehr vor den Startbogen. Der Sprecher der Tour de France peitscht die Fahrer und Zuschauer an, dann beginnt das Runterzählen. „Zero“. Hundertfach wird in die Pedale geklickt. Die Mission beginnt.
Stage 1 Paris-Villaines
Die ersten Kilometer beginnen neutralisiert mit einer Polizeieskorte vor Kopf, die das Feld aus Versailles hinausführt. Ich beginne bereits Fahrer zu überholen, mit Simon im Schlepp positionieren wir uns weit vorne. Nach rund 10km scheren die Motorräder aus. Erfreulicherweise ist es keine galoppierende Büffelherde, die ungestüm loslegt sondern langsam aber stetig Fahrt aufnimmt. Mit kurzen Schulterblicken registriere ich Simon, der sich ebenfalls durch das Feld bewegt, der Tacho zeigt 35 km/h, 200Watt. Alles OK. Sämtliche Fahrten seit Anfang des Jahres bestreiten wir mit einem Leistungsmesser ( Power2max). Geschwindigkeit und Puls sind sicherlich Indikatoren für das Befinden aber es ist bei diesen Distanzen jedoch sehr wichtig, eine KONSTANTE Leistung abzuliefern. Geringe Steigungen oder Wind von vorne treiben den Wattmesser schnell nach oben, die körperliche Anstrengung, dieses zu verarbeiten setzt erst Minuten später ein. Um unsere wertvollen Kohlehydratspeicher bestmöglichst zu schonen fahren wir stetig und konsequent im Grundlagenbereich des Ausdauersportes, in der die Verstoffwechselung von Fett am effektivsten abläuft. Das bedeutet bei mir: rd. 160W und bei Simon rd. 190W im Schnitt.
Die ersten 70-80km vergehen wie im Flug und im Westen senkt sich die Sonne. Was für ein schönes Bild, die Landschaft in dieser Gegend hat ganz leichte Wellen, der Asphalt ist glatt. Langsam schalten die Fahrer Ihre Lichteinheiten ein. Alles ist vertreten, vom 4 Fach LED Werfer bis zum Leuchtstab. Wir setzen auf Lichttechnik von Busch und Müller. Bergan und in der Ebene dimmen wir die Lichtstärke etwas ab, man sieht genug und es spart den so wertvollen Strom. Geht es schnell bergab wird auf volle Leistung hochgeschaltet.
| und wieder wird mal klar warum Langdistanzen so großartig sind.... |
In Mortagne au perche erreichen wir nach rund 140km und 950hm die erste Verpflegungsstation. Die erste kleine Etappe haben wir mit einem 28er Schnitt abgeliefert und uns bereits ein ordentlich Polster eingefahren. So kann es weitergehen. Wir entscheiden, nicht übermütig zu werden und legen eine Rast ein. In der Halle herrscht reges Treiben, wir schaufeln einen Teller Nudeln in uns hinein, registrieren jedoch bereits erste Köpfe, die auf den Tischen liegen. Müdigkeit nach nur 5 Stunden? Nun ja, die Konsorten werden es schwer haben, wenn es jetzt schon so losgeht.
Weiter auf die Strecke, kurz warmgefahren und Fahrt aufnehmen. Es ist mittlerweile Mitternacht und die Landschaft wird welliger. Für die nächsten 80km stehen wieder 600 Höhenmeter auf dem Programm. Nun sehe ich ihn, den unglaublichen roten Lindwurm an Rücklichtern. Er schlängelt sich BIS ZUM Horizont und weiter. Ein bizarrer Anblick, ich bekomme wahre Gänsehaut. Immer noch laufen alle Systeme rund und wir kommen gut voran. Nachts steigt die Konzentration noch einmal an, man muss wirklich jeden Moment HELLWACH sein. Besonders asiatische Piloten neigen zu total unberechenbaren Manövern, außerdem fahren diese Kollegen nachts 10cm auf das Hinterrad auf. Japaner erkennt man an excellenten Material und gigantischer Lichttechnik, das ist in der Dunkelheit zugleich ein Segen. Sehr wortkarg fahren Sie auf der Strecke, ihre Miene hellt jedoch spürbar auf wenn man Ihnen ein herzlichen Kan Pai ( japanisch: Prost) entgegnet.
Die Kollegen aus Taiwan sind ein anderer Schlag. Alle Piloten tragen auf den vorgeschriebenen gelben Reflexwesten Ihre Nationalflage. Viele Piloten fahren hinten mit Schutzblech, dort haben die Strategen in fluoziernden Schrift „Taiwan“ geschrieben.
| Alles dabei: Randonneure mit Tannenbaum auf dem Helm |
| Liegeräder |
| und vollverkleidete Raketen |
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| selbstgebasteltes Carbon |
Herje, das deckt ja die verbrauchten Kalorien nur zur Hälfe. Umschwenken auf Astronauten Nahrung. Die schmeckt leider nicht soo doll aber es geht. Ich stopfe zwei Beutel „Power Bar Ride Shots“ in mich hinein. Unsere Nahrungsergänzung wurde durch die Unterstützung von meinem Freund Achim Linsser aus Düsseldorf größtenteils realisiert. Weils so schön ist, ein weiteren Powerbar Riegel hinterher. Ein kleiner Powernap von 20minuten bringt uns wieder auf Betriebstemperatur. Schlafen? Fehlanzeige.
Wir wollen erst bei KM 550 in Carhaix richtig die Augen zu machen, bis dahin sollte viel passieren.
Stage 2
Villaines-Carhaix
Nach gut 2h Pause starten wir wieder mit einer Gruppe um weitere 140km hinter uns zu bringen. Wir wollen gegen Mittag in Tinteniac sein um dann gut gestärkt die verbliebenen Kilometer am Abend Richtung Carhaix zu meistern. Die erste Nachtfahrt hat zugleich das große Feld zerpflückt und auf der Strecke bilden sich Gruppen von 10-20 Fahrern aller Nationen. Zeit, sich auf der Strecke den amerikanischen Mitfahrern zu widmen. Die sind leicht auszumachen, alle Räder sind mit einem Schild „US Randonneur“ gekennzeichnet und die Fahrer wählen sowohl bei Material wie auch Kleidung tendenziell den Nostalgieansatz. Unsereins bewegt sich mit Windstopper-Goretex-Anti Schwitz etc Bekleidung, die Seattle Randonneurs schwören durchweg auf Merino Feinripp mit gestrickten Bündchen. Da die Burschen per se kontaktfreudig sind gelingt auch hier schnell eine Gruppenbildung und man fährt Kilometer um Kilometer zusammen.
Die Kontrollstelle in Tinteniac ist schnell abgehandelt, Stempel holen, Essen. Wir schaufeln uns 500gr Dinkel-Nudeln in den Körper. Mittlerweile zeigt der Tacho deutlich über 350km. Um im Sattel zu bleiben creme ich Gesäß üppig mit Ilon ein. Dieses tolle Produkt löste seit einigen Monaten die alte Elite Creme ab, die ich bisher einsetzte. Die etwas zähere Konsistenz ist für lange Belastungen einfach besser. Auf der Fahrt haben wir zwei Tuben verarmet.
| Amerikanische Nostalgie mit Feinripp. Who is the old Country? |
Die Kontrollstelle in Tinteniac ist schnell abgehandelt, Stempel holen, Essen. Wir schaufeln uns 500gr Dinkel-Nudeln in den Körper. Mittlerweile zeigt der Tacho deutlich über 350km. Um im Sattel zu bleiben creme ich Gesäß üppig mit Ilon ein. Dieses tolle Produkt löste seit einigen Monaten die alte Elite Creme ab, die ich bisher einsetzte. Die etwas zähere Konsistenz ist für lange Belastungen einfach besser. Auf der Fahrt haben wir zwei Tuben verarmet.
| Nächtliches Carboloading |
Ein kurzer Powernapp von 20 Minuten und einen starken Kaffee, als „Nachtisch“ wieder 2 Tüten Powerbar Ride Shots. Ein Blick in den Himmel und der Informationsaustausch mit der Heimat deutet jedoch Probleme an, wir werden naß. OK, man soll sich als Randonneur auf alles einstellen. Daher packe ich für die nächste Etappe nach Carhaix die Löffler Colibri, besser bekannt als „Ölzeug“ oder „Südwester“ ein. Man weiß ja nie, wie es endet. Nach 2h Pause machen wir uns wieder auf den Weg. Die 400km fallen. Jetzt irgendwie noch 150km bis Carhaix. Es melden sich erste Probleme im Sitzbereich und auch die Fitness ist etwas angeschlagen. Mittleweile nimmt das Höhenprofil an Welligkeit deutlich zu und unser guter Schnitt beginnt langsam zu sinken.
OK, immer noch kein Problem. Hinter der Kontrolle von Loudeac geht es los, es wird dunkel aber Blitze im Westen erhellen die Nacht. Je mehr wir nach Westen vordringen, desto zahlreicher werden sie, mittlerweile kündigt ein permantes Grollen erbarmungslos die Unwetterfront an. Nach dem Kampf gegen Müdigkeit und Erschöpfung betritt ein neuer Spieler das Feld. Das Wetter. 2007 war es mit dafür verantwortlich, daß rund 1/3 der Starter vorzeitig die Brocken hingeworfen haben. Erste Tropfen bei hoher Luftfeuchtigkeit deuten das Unheil an. Sofort reagieren wir und winken einen Trupp von 10 Fahrern auf den Seitenstreifen. Ich versuche in einem Kauderwelsch aus Französisch, Englisch, Spanisch, Nederlands sowie Gebärdensprache allen zu signalisieren: Zusammenbleiben, Konvoi fahren, alles geben. Es gießt in KÜBELN. Wir fahren bis zur nächsten Verpflegung in Saint Nicolas. Hier können Simon und ich jedoch nicht rasten, wir wollen und müssen nach Carhaix. Das sehen ein paar andere Fahrer ebenfalls so und wir fahren umgehend weiter. In der Ferne verschwindet die verführerisch warme Turnhalle mit duftenden Crepes und Kaffee. Das Wasser steht bereits in meinen Schuhen, mein Radcomputer der Firma Garmin „säuft“ ab und eine halbe Stunde später fällt mir auch noch mein Hauptlicht aus. Alle Fahrer müssen mittlerweile Ihre Brillen abnehmen, da man auch nichts mehr sieht. Meine Stimmung ist zum ersten Mal am totalen Tiefpunkt angelangt. Da bin ich nicht gerade gut gelaunt und lasse das die Leute nachhaltig spüren. Mich beschleicht langsam das Gefühl, daß diese Etappe viel entscheiden wird. Simon kommentiert die Situation hanseatisch kurz und knapp „wir wussten dass es hart wird“. Nicht gerade hilfreich für jemanden, der mit den Nerven blank gezogen hat. Nach einer gefühlten Endlosigkeit beende ich die Schmollerei und arbeite mit Simon am Plan B, wenn wir Carhaix erreichen. Mittlerweile hinter uns und vor uns kein anderer Teilnehmer. Nach einer fünfstündigen Regenfahrt nimmt langsam der Niederschlag ab und unsere Laune steigt. In Carhaix angekommen reichen wir die Stempel vor, die Kontrolle sieht aus wie Dresden 1945. Die Leute liegen verstreut in voller Montur auf dem Boden und schlafen. Ja, schlafen, nur noch schlafen, nie mehr aufwachen. Wir werfen wieder Unmengen an Nahrung ein und beginnen mit dem Plan B: Lange Schlafpause und mit neuen Kräften weiter. Es dauert ca. 2 minuten, dann bin ich weg. Ebenfalls in voller Montur, herbe Duftnote inklusive.
| die Straße zieht sich unendlich hin... |
| ...und immer weiter... |
| ...und kein Ende... |
OK, immer noch kein Problem. Hinter der Kontrolle von Loudeac geht es los, es wird dunkel aber Blitze im Westen erhellen die Nacht. Je mehr wir nach Westen vordringen, desto zahlreicher werden sie, mittlerweile kündigt ein permantes Grollen erbarmungslos die Unwetterfront an. Nach dem Kampf gegen Müdigkeit und Erschöpfung betritt ein neuer Spieler das Feld. Das Wetter. 2007 war es mit dafür verantwortlich, daß rund 1/3 der Starter vorzeitig die Brocken hingeworfen haben. Erste Tropfen bei hoher Luftfeuchtigkeit deuten das Unheil an. Sofort reagieren wir und winken einen Trupp von 10 Fahrern auf den Seitenstreifen. Ich versuche in einem Kauderwelsch aus Französisch, Englisch, Spanisch, Nederlands sowie Gebärdensprache allen zu signalisieren: Zusammenbleiben, Konvoi fahren, alles geben. Es gießt in KÜBELN. Wir fahren bis zur nächsten Verpflegung in Saint Nicolas. Hier können Simon und ich jedoch nicht rasten, wir wollen und müssen nach Carhaix. Das sehen ein paar andere Fahrer ebenfalls so und wir fahren umgehend weiter. In der Ferne verschwindet die verführerisch warme Turnhalle mit duftenden Crepes und Kaffee. Das Wasser steht bereits in meinen Schuhen, mein Radcomputer der Firma Garmin „säuft“ ab und eine halbe Stunde später fällt mir auch noch mein Hauptlicht aus. Alle Fahrer müssen mittlerweile Ihre Brillen abnehmen, da man auch nichts mehr sieht. Meine Stimmung ist zum ersten Mal am totalen Tiefpunkt angelangt. Da bin ich nicht gerade gut gelaunt und lasse das die Leute nachhaltig spüren. Mich beschleicht langsam das Gefühl, daß diese Etappe viel entscheiden wird. Simon kommentiert die Situation hanseatisch kurz und knapp „wir wussten dass es hart wird“. Nicht gerade hilfreich für jemanden, der mit den Nerven blank gezogen hat. Nach einer gefühlten Endlosigkeit beende ich die Schmollerei und arbeite mit Simon am Plan B, wenn wir Carhaix erreichen. Mittlerweile hinter uns und vor uns kein anderer Teilnehmer. Nach einer fünfstündigen Regenfahrt nimmt langsam der Niederschlag ab und unsere Laune steigt. In Carhaix angekommen reichen wir die Stempel vor, die Kontrolle sieht aus wie Dresden 1945. Die Leute liegen verstreut in voller Montur auf dem Boden und schlafen. Ja, schlafen, nur noch schlafen, nie mehr aufwachen. Wir werfen wieder Unmengen an Nahrung ein und beginnen mit dem Plan B: Lange Schlafpause und mit neuen Kräften weiter. Es dauert ca. 2 minuten, dann bin ich weg. Ebenfalls in voller Montur, herbe Duftnote inklusive.
| Randonneure dahingerafft |
Stage 3 Carhaix-Brest-Carhaix
Wir vereinbarten vor den süßen Träumen 3 Stunden zu Schlafen und 1h ganz langsam aufzustehen und sich für die nächste Etappe einzustimmen. Nach genau 3 Stunden weckt mich leiser Chorgesang der Band „Scala“. Wie herrlich, der Refrain des Liedes „wie weit wirst du gehen“…welche Symbolik in diesen Zeilen. Ich vernehme kein weiteres Geräusch, sofort bin ich hellwach, schaue in den Himmel. Kein Regen, kein Regen. Schnell mit der Heimat Kontakt aufgenommen: Ja, Gewitterfront zieht nach Nord-Ost ab, freie Fahrt, nur noch sporadische Niederschläge. Schlagartig verbreite ich gute Stimmung und stecke jeden an, ich gönne mir als Highlight eine warme Dusche und steige frisch abgeschmiert in die Assos Hose. Trotz intensiver Pflege…die letzte Nacht hat ihren Tribut gefordert, leicht pessimistisch entdecke ich wund gescheuerte Stellen. Eine extra Schicht „ILON“ muss es richten. Für die 93km bis Brest haben die Veranstalter weiter 740hm eingebaut, keine großen Steigungen, immer wieder Wellen. Wir passieren den höchsten Punkt der Strecke, den Roc Trevezel. Unter uns im Westen die Bretagne, man riecht bereits den Atlantik. Die Aussicht, bald „Halbzeit“ zu haben mobilisiert Kräfte. Mittlerweile fällt mir das Sitzen sehr schwer, bei den Steigungen bin ich froh im Wiegetritt für Entlastung zu sorgen. Bergab geht es stetig nach Brest, ich nutze jeden mm der Straße und fahre die Rampen konsequent mit Unterlenker maximal gebeugt. Die letzten Kilometer in Brest ziehen sich und nach gut 4 Stunden kommt endlich die Spannbrücke über den Kanal in Sicht.
Der Tacho zeigt 615km. Ich verscheuche die Dämone im Kopf die soufflieren „jetzt noch mal 600km“ sondern freue mich, daß es endlich „nach Hause“ geht. In Brest stempeln wir und fahren zügig weiter. Am Ortsausgang signalisieren Fahrräder an einer Pizzaria: Carboloading. Wir haben mittlerweile 36 Stunden auf der Uhr, der Hunger treibt uns aber rein und wir gönnen uns eine sehr wohlschmeckende Pizza. Die war auch notwendig, denn wir müssen nach der Pause in Carhaix ca. 20h im Sattel sitzen um Strecke gut zu machen.
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| Unser ständiger Begleiter hin.... |
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| ....und nun wieder zurück |
| Randonneure sind hungrig... |
Auf der Rückfahrt nach Carhaix steigt in mir wieder Müdigkeit und Schmerzen. Auf den Wegschildern steht zwar „Paris“ doch der Weg ist noch weit. Da wir fast 80km bis zu nächsten Kontrolle haben nehme ich kurzerhand den Medical Service selber in Hand und werfe mir eine Ibuprofen 800 ( „Vitamin I“) und eine Coffeinum 20 ( „Hallo Wach“) ein. Beide Präperate stehen nicht auf der roten Liste, die Abgabe ist bei den Randonneuren aber umstritten. „Nur wenn nichts mehr geht“. Bei mir geht „nichts mehr“ und 10 Minuten später wieder eine Menge. Simon fährt zum Wasserlassen an den Rad, ich beschließe die Form zu nutzen und starte einen wütenden Ritt auf den Berg. Ich kassiere Fahrer um Fahrer wie Lance 1999. Alles mit dem großen Blatt. Oben am Trevezel bemühe ich die Fremdsprachen erneut und schlage einer Gruppe von ca. 10 Leuten vor, dass zunächst ich 20km im Wind den Domestiken mache und wir dann im Belgischen Kreisel nach Carhaix fahren. Die Allianz auf Zeit gelingt und bereits gegen 16.00 Uhr bin ich in Carhaix, Simon folgt gut 20min später, auch er ist gut über die Piste gekommen.
Stage 4 Carhaix-Mortage au perche und der tanzende Marrokaner
Auf der Strecke nach Carhaix treffen wir den Bremer Randonneur Carsten. Er schleppt sich bereits seit 300km mit einer gebrochenen Speiche (!) durch die Gegend. OK, die erste gute Tat des Tages gehöhrt ihm. Ich drücke ihm einen Ersatzlaufradsatz in die Hand mit der Bitte, diesen beim Materialservice mit der Schaltung einstellen zu lassen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er lediglich 2 Stunden geschlafen und war sichtlich mitgenommen. Nun hellten wir seine Miene auf. Freundschaftlich verabschiedet setzen wir unsere Reise fort.
Es folgte nun der härteste Abschnitt, bereits Timon fragte uns „ und Ihr wollt wirklich 380km fahren“….. Wir wollen nicht, wir müssen. Wir treten relativ ergebnisarm weitere 4 Stunden weg und sind nun in der nächsten Nacht. Mittlweile machen sich im Feld erste Auflösungserscheinungen bemerkbar. Alle 10km liegt ein Fahrer in voller Montur im Gras, alle Lampen am Rad an und schläft. Je weiter wir nach Osten fahren, desto zahlreicher werden die „Gestrandeten“, es sollte an Dramatik und Tragik noch weiter zunehmen.
Hinter der Kontrolle Loudeac übernimmt Simon die Führung und wir passieren zahllose Dörfer. Es tut gut, nach Stunden der Dunkelheit wieder Zivilisation vorzufinden. Simon stoppt abrupt. Ich komme zum ebenfalls zum Stehen. Im Vorfeld habe ich über PBP auch Berichte über nächtliche Halluzinationen zur Kenntnis genommen. Was wir nun sahen übertraff unsere kühnsten Vermutungen. Vor uns tanzt ein marrokanischer Randonneur in voller Montur im Kreis und singt arabische Lieder. Die Augen weit aufgerissen, Speichel läuft an seinen Mundewinkel, Rad liegt auf der Straße. Das Ganze auf der Fahrbahn des Gegenverkehrs. OK, zwar trifft man um 03.30 wenig Autoverkehr, aber der Mann atmete sehr dünne Luft. Wir bewegen Ihn, das Tänzchen doch bitte einzustellen oder es zumindestens am Straßenrand zu vollziehen. Er folgt unserem Rat, bedankt sich artig. Bei späteren Kontrollstellen haben wir ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen.
| egal wo... |
| ...dringende Pause |
| ...in Notdecken dahin gerafft. |
| ...dringend ungeplante Pause. |
| ...egal wie, wo und auch mit welchem Untergrund |
Hinter der Kontrolle Loudeac übernimmt Simon die Führung und wir passieren zahllose Dörfer. Es tut gut, nach Stunden der Dunkelheit wieder Zivilisation vorzufinden. Simon stoppt abrupt. Ich komme zum ebenfalls zum Stehen. Im Vorfeld habe ich über PBP auch Berichte über nächtliche Halluzinationen zur Kenntnis genommen. Was wir nun sahen übertraff unsere kühnsten Vermutungen. Vor uns tanzt ein marrokanischer Randonneur in voller Montur im Kreis und singt arabische Lieder. Die Augen weit aufgerissen, Speichel läuft an seinen Mundewinkel, Rad liegt auf der Straße. Das Ganze auf der Fahrbahn des Gegenverkehrs. OK, zwar trifft man um 03.30 wenig Autoverkehr, aber der Mann atmete sehr dünne Luft. Wir bewegen Ihn, das Tänzchen doch bitte einzustellen oder es zumindestens am Straßenrand zu vollziehen. Er folgt unserem Rat, bedankt sich artig. Bei späteren Kontrollstellen haben wir ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Unser Bruttoschnitt sinkt weiter und langsam kommen wieder Zweifel auf. Ich signalisiere Simon, daß ich nicht schneller kann, beide Knie durch den permaneten Wiegetritt senden starke Schmerzen und im Sitzen kann ich nur noch berab fahren. Um nicht weiter in Zeitprobleme zu kommen legen wir bei zwei Kontrollen nur noch den Stempelschein vor und verpflegen uns mit Astronautennahrung.
Mittlerweile ist es später Nachmittag und wir rollen in Villaines ein. Wir lassen uns von der guten Stimmung anstecken und nehmen erst einmal einen guten Kaffee und 4 Croissants. Ich beschließe den Medical Service aufzusuchen. Da hier franzöische Fachausdrücke für Gesäßschmerzen Fehlanzeige sind erledigte dies Gebärdensprache. Eine freundliche WEIBLICHE Arztkraft deutet mir an „blank“ zu ziehen. Die Dame zeigt auf einen großen Berg Mullbinden mit roten und gelben Farbflecken, offensichtlich Ihr Tagesgeschäft. Also Attacke, nach 10 Minuten Behandlung werde ich komplett mit einer Gaze mit Schaumstoffunterstützung „abgeklebt“. Bereits beim Tasten spüre ich federnde Wirkung. OK, wenn es das sein muß um nach Paris zu kommen, so soll es geschehen. Ich setze mich auf mein Rad und warte gespannt auf den Schmerzreflex. Oh ja, spürbar weniger und Optimismus macht sich breit. Das wird auch unterstützt durch die Kilometeranzeige. Über 1000km stehen auf der Uhr. Wir bedauern Villaines verlassen zu müssen, denn die Uhr zwingt uns zu weiteren Schritten.
Bereits einige Kilometer später fahre ich wie ausgewechselt und das nun anspruchsvollere Profil mit einigen Steigungen macht mir nichts aus. Sofort steigt unser Bruttoschnitt wieder an. Geht das noch was? Ein Blick auf die Uhr: in 4 Stunden sind wir in Mortage au perche, kein Problem, dort wieder mal etwas schlafen, sich belohnen für die Mammutetappe. Das Spielchen hatten wir ja schon in Carhaix einmal, es sollte doch 160km VOR Paris noch besser funktionieren.
| ...es ist dem nichts hinzuzufügen |
Bereits einige Kilometer später fahre ich wie ausgewechselt und das nun anspruchsvollere Profil mit einigen Steigungen macht mir nichts aus. Sofort steigt unser Bruttoschnitt wieder an. Geht das noch was? Ein Blick auf die Uhr: in 4 Stunden sind wir in Mortage au perche, kein Problem, dort wieder mal etwas schlafen, sich belohnen für die Mammutetappe. Das Spielchen hatten wir ja schon in Carhaix einmal, es sollte doch 160km VOR Paris noch besser funktionieren.
Stage 5 Mortage au Perche-Paris
In voller Montur falle ich gegen 01.00 Uhr ins Bett. Wir haben uns verständigt, 2 Stunden zu schlafen und 1 Stunde noch einmal üppig und ausgiebig zu frühstücken. Somit Start gegen 04.00 Uhr früh. Nach der langen Etappe von 380km schlafe ich sofort ein und natürlich ist der Schlaf zu kurz. Aber, ich merke auch wie schnell sich der eigene Körper auf den mittlerweile chronischen Schlafmangel einstellt und dass 2 Stunden sehr viel bringen. Diesmal erfolgt kein sanftes Wecken, Timon rüttelt mich aus dem Schlaf und kündigt „special guests“ an. Im ersten Augenblick denke ich an einen der zig Randonneure, der vorsichtig um Fahrgemeinschaft bittet um sich die Arbeit auf der Streck zu teilen. Ich erblicke meinen Freund Wolfram „Wolle“ und seine Frau Sunna und reime mir in Sekundenbruchteilen zusammen, daß sie die Nacht 800km im Auto durchgefahren sind um uns zu sehen. Ich ringe mit Worten und finde keine. Fast beschähmt nehme ich ihn in den Arm, denn ich weiß, daß er nur einige Stunden später wieder nach Hause fahren muss um berufliche Projekte zu bearbeiten. Welch Ode an die Freundschaft mitten unter hunderten, nein Tausenden Radfahrern, die sich mittlerweile einfinden. Natürlich durchflutet mich und Simon neue Kräfte, der auch schwer von der Aktion begeistert ist. Der Kreis schließt sich langsam und wir sind sicher: Nur noch ein Rahmenbruch oder schwerer Sturz wird uns stoppen können. Wir schaufeln erneut alles Essbare in uns hinein. Noch ein letztes Mal hinaus in Nacht, das große Ziel spürbar nahe. Die Bühne war frei für die letzte Etappe und zugleich große und tragische Dramen.
Bereits wenige Kilometer hinter Mortage registrieren wir Teilnehmer, die in Schlangenlinien auf dem Mittelstreifen fahren, total übermüdet versuchen sie dadurch auf Kurs zu bleiben. An leichten Steigungen rollen einige asiatische Fahrer einfach aus, bleiben stehen und kippen in den Graben, übermannt vom Schlaf. Sie stehen auch nicht auf, sie schlafen einfach weiter. Mitten auf der Straße steht ein Velomobil, das ja konstruktionsbedingt nicht umkippen kann. Der Fahrer ist eingenickt, er schreckt auf als wir ihn wecken und mitteilen: „Junge, schieb Dein Mobil von der Straße das ist lebensmüde“. Wir erleben totale Zersetzungserscheinungen, diese Fahrer müssen bei Tageslicht ALLES geben, um noch im Zeitlimit in Paris anzukommen. Mittlerweile sind wir wieder als Duo unterwegs. Simon registriert am Straßenrand eine kleine Person, die verzweifelt versucht aus einem tiefen Straßengrabern herauszukrabbeln aber immer wieder runterrutscht. Wir unterbrechen die Fahrt und schauen nach dem Rechten. Im Scheinwerferlicht sehen wir einen total unterkühlten und zitternden Mann Mitte 60, sichtlich zu leicht angezogen ( kurze Hose, kurzes Trikot), kreideweiß, Augen aufgerissen, das bei 8 Grad Außentemperatur. Der Mann brabbelt „Abondonée, je veux abadonée“. Ich übersetze Simon das Gestammel und ich beginne stoisch, den Erste Hilfe Lehrgang abzuspulen. Sofort eine Notfall-Aluminiumfolie ausgepackt, ihn beruhigt, eingepackt und ihm eine Ibuprofen 800 und eine Coffeinum 50 verabreicht. Langsam kommt „Jean-Claude“ auf die Beine und kann wieder logische Sätze formulieren. Tränen kullern über seine Wangen, er sei so froh, daß wir ihm helfen, seit 30 Minuten wartet er im Straßengraben, kein Radfahrer hat angehalten. Seine Nackenmuskulatur setzte die Arbeit aus und er ist einfach in den Graben gekippt. Er will jetzt nach Hause und nicht mehr Radfahren. Das kann ich nachvollziehen. Ich nehme mit dem Handy Kontakt mit der letzten Kontrolle auf, dann geht es sehr schnell. Rahmennummer durchgeben, etwaiger Standort, in 20 Minuten ist der Medical Service da. Jean-Claude drückt mich dankbar, ich fühle mich wie ein Soldat, der einen verwundeten Kameraden in der Schlacht zurückläßt. Er versichert uns, dass es jetzt wieder besser geht und er alleine auf den Medical Service wartet. Wir machen uns auf den Weg.
Wir erreichen nach gut 4 Stunden die letzte Kontrollstation Dreux. Es ist früher vormittag. Ich spreche bei den Offiziellen vor und schildere den Hergang, nach einigen Minuten werden wir gebeten, unsere Brevets vorzulegen und bekommen jeder für diese Geste 1 Stunde Zeit gutgeschrieben. Ein sehr fairer Zug. Wir stehen rund 65km vor Paris und haben noch 4 ½ Stunden Zeit. Das sollte erneut gelingen, und durch das kleine Zeitpolster gönnen wir uns erneut Kaffee und Croissants. Mittlerweile ist Wolle erneut vor Ort und spricht uns Mut zu. Erste Feierstimmung macht sich breit. Wir treffen an dieser Kontrolle bekannte Gesichter , etwas benommen torkelt dann auch Carsten ein, er sieht sehr schlecht aus. Zwar läuft mein geliehendes Hinterrad „wie ein Länderspiel gegen Äpypten“ aber sonst geht nichts. Anhand des Ganges erkennt das geschulte Langstreckenauge: Schritt ist „defekt“ und die Knie dick. Wir versorgen auch ihn mit der Mischung „Ibu 800+Coffeinum“ die er dankbar annimmt. Wir starten gemeinsam aber bereits nach wenigen Minuten kann er unser Tempo nicht halten. Ich will ihn ungerne zurücklassen, aber auch unsere Zeit drückt nun mittlerweile. „Kein Problem, ich bekomme das hin“…Klare Ansage, Herr Randonneur. Wir nehmen wieder Fahrt auf. Mittlerweile ist die Strecke topfeben und wir fahren in die aufgehende Sonne. Die Kilometer spulen wir zügig und ohne Hektik souverän ab. Einige kurze Rampen nötigen uns noch einmal die letzten Kräfte ab und dann steht plötzlich „Ziel 10km“. OK, 90min vor Sabbatt, das ist zu schaffen. In den Vororten von Versailles stoppen uns noch einige Ampeln aber ich erkenne bereits die Zieleinfahrt. Ich erkenne Lena wie sie mit Ihrem Rad Fahrt aufnimmt um die letzten 900 Meter gemeinsam zu rollen. Ich bin benommen vor Glück, dann Zieleinfahrt, Jubel brandet auf, Wolle und Sunna schwenken ein extra angefertigtes Banner für uns. Leider winken uns übereifrige Kontrollposten bereits in den abgesperrten Bereich, ich hätte sooo gerne noch eine oder zwei Ehrenrunden gedreht. Wir rollen in das Stadium, ein allerletztes Mal macht die Zeiterfassung „Piep“ und wir wissen…wir sind im Ziel.
Kaum vom Rad gestiegen umarmen uns Mitfahrer, die schon in Paris angekommen sind. Ich muß mich erst einmal setzen. Nach 15 Minuten betrete ich das große Auditorium. Mit etwas Wehmut überreiche ich mein komplett abgestempeltes Brevet. Nach Rücksprache mit allen Beteiligten entscheiden wir uns schnell zum Campingplatz zu fahren, um dort dann die richtige Finisher-Party steigen zu lassen. Beim Anblick meines Rades…nein, es geht nicht mehr. Sunna hilft mir aus der Patsche, wir verfrachten meine Kohlefaser in den Kofferraum und ich werde gefahren. Was für ein LUXUS. Am Campingplatz haben unsere grandiosen Soigneure bereits Quartier bezogen, es sind 24 Grad, ich lasse mich in den Campingsessel fallen, der Grill ist entzündet. Fleissige Handgriffe verwandeln unseren Stellplatz in einen feierlichen Saal. Ich raffe mich auf, um die letzten 48 Stunden vom Körper zu waschen, das Entfernen der Gesäßpflaster ist ein kurzfristiges Highlight was micht sofort hellwach macht. Aua…. Nach 10minuten heißer Dusche fühle ich mich neu geboren. Die Feier nimmt ihren Lauf, immer mehr Randonneure stoßen hinzu. Nach einer guten Flasche Wein sehe ich mich bemüßigt für mein „Idol“ Uwe in die Saiten zu greifen und meine Gitarre nun sprechen zu lassen. Der Abend endet wie PBP…haarscharf am Abgrund aber mit vollem Bewußtsein in den Orkan.
Im Nachgang…
bewertet wirft unsere Variante „PBP mit Support“ bei „Hardcore“ Randonneuren ein großes Fragezeichen auf. Externe Hilfe und Verpflegung gehöre nicht zur Etikette. Mein Respekt vor diesen Startern ist groß. Zugleich bin ich eine streitbare Person, die gerne Dinge kritisch hinterfragt. Es muß wohl zum Mythos gehören, total übermüdet sich durch die Gegend zu kämpfen und Aksese zu betreiben. Ich erkenne an den unzähligen gefährlichen Momenten, die ich auf der Strecke selber erlebt habe einen gewissen Zusammenhang mit diesem Standpunkt. Weiter kommentieren möchte ich diesen nicht. PBP hat ein sehr dezidiertes Regelwerk und diese Variante ist nicht verboten, die hunderte an Wohnmobilen sind Beleg dafür.
Ich bin glücklich an PBP 2011 teilgenommen zu haben, meinen Enkeln werde ich von der Woche in Frankreich erzählen. 2015 nehme ich erneut teil, dann in der „klassischen“ Variante. Dann habe ich einen direkten Vergleich. Ich danke meiner Familie, die auf viel verzichtet hat und meinem Freund Simon, den ich auf 1230km sehr geschätzt habe. Ohne ihn hätte ich das Ziel NICHT gesehen. Danke, Simon. Nicht zu vergessen der zahlreiche Support in der Vorbereitung und während des Rennens. Danke Wolle, Danke Achim. Dank Euch Allen.
Als Dank für Eure großartige Unterstützung, hier noch einmal in gesammelter Form:
Uwe Krohne - der uns überhaupt an das großartige Langstreckenfahren herangeführt hat
Mike Lorenz - der uns in mehreren Sitzungen das Rad und die Sitzposition eingestellt hat
Lewis Pless - ohne ihn wäre ich nie zum Radsport gekommen, schade das er heute nicht mehr aktiv daran teilhaben kann, aber er bleibt unser Leader.
Wolle - ein großartiger Freund, der mit seiner Frau den Weg nach Montagne aufgenommen hat, nur um uns mentale Unterstützung zu geben
Uwe Otto - der mich in wenigen, effektiven Sitzungen für diese Herausforderungen eingestellt hat
Lena - die großartige Frau, die unser Wohnmobil souverän gelenkt hat und immer kühlen Kopf bewahrt hat.
Timon - der Mann an Ihrer Seite, immer im Sinne des Projekts und ohne Vorbehalte, ganz Mann - wie die Riders.
Achim Linßer - Hat uns mental und mit PowerBar unterstützt. Ist vor allen Dingen aber der Entdecker der Ilon Protect Salbe.




